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October 27 2017
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Wie begegnen Krankenhäuser der Herausforderung Digitalisierung? In unserer Serie „Auf dem Weg zum Digitalen Krankenhaus“ beschreiben Kunden ihren Weg in die digitale Zukunft. Der dritte Teil wirft einen Blick in die digitale Zukunft des Klinikums Darmstadt.

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Que será – die Zukunft der Krankenhaus-IT in Darmstadt
Digitalisierung am Klinikum Darmstadt - Teil 3

Gerhard Ertl, dem IT-Leiter am Klinikum Darmstadt gGmbH, wird in den nächsten Jahren die Arbeit sicher nicht ausgehen. Seine Aufgabe ist es, das Krankenhaus in die digitale Zukunft zu führen. In Anbetracht der regen Bautätigkeit auf dem Campus kein leichtes Vorhaben: „Etwa 2020 wird das neue Hauptgebäude fertiggestellt. Dann sollen dort die Abteilungen einziehen, die jetzt noch extern in Eberstadt untergebracht sind. Auch der Altbau aus den 1960er Jahren soll verschwinden. Letztlich gibt es dann nur noch die Neubauten und die denkmalgeschützte Frauenklinik von 1954. Wie wir mit diesem Gebäude dann umgehen, haben wir noch nicht endgültig geplant.“

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Gerhard Ertl
Leitung IT / MT / TK (CIO) Klinikum Darmstadt


Bautätigkeit als Hindernis für ungehinderten Rollout 
Bis dahin ist Flexibilität angesagt: Während auf den fest in den Neubauten lokalisierten Stationen die Digitalisierung ungehindert voranschreiten kann, ist bei anderen Abteilungen noch Zurückhaltung angesagt: „Durch die Bautätigkeit müssen wir einzelne Stationen immer wieder verlegen. Hier können wir nur sehr eingeschränkt und mit Zwischenlösungen arbeiten, weil es sich nicht lohnt, beispielsweise einen Altbau mit WLAN komplett auszuleuchten, um echtes mobiles Arbeiten zu ermöglichen,“ erläutert Ertl. Deswegen stehen auch Projekte wie eine Virtualisierung des Krankenhausinformationssystems medico zunächst hintenan. „Um derartige Projekte durchzuführen, benötigen wir erst eine homogene IT-Infrastruktur, die sich nicht ständig verändert. Bis dahin kommen wir auch im Eigenbetrieb gut zurecht.“
Ohnehin macht man in Darmstadt vieles selber. Etwa 75% der anfallenden Arbeiten an der IT – von der Wartung bis hin zu neuen Projekten – werden durch das eigene Personal erledigt. Wird das auch in Zukunft so sein? Gerhard Ertl ist sich nicht ganz sicher: „In den nächsten Jahren werden einige meiner Mitarbeiter in den Ruhestand wechseln. Es kann durchaus sein, dass wir deswegen in ein bis zwei Jahren zunehmend Routineaufgaben auslagern werden. Ob, was und in welchem Maße entscheidet sich dann auch daran, wie unsere Infrastruktur sich bis dahin entwickelt hat. Aber in der Tat ist das ein Thema, das wir im Auge haben und bei dem wir rechtzeitig reagieren werden.“
Denn neben dem Ausbau der IT ist auch der Erhalt der Infrastruktur auf modernstem Stand eine Priorität für den IT-Leiter und seine Geschäftsführung: „Wir wollen die elektronische Patientenakte und digital unterstützte, optimierte Prozesse flächendeckend einführen,“ erklärt Prof. Dr. Steffen Gramminger, medizinischer Geschäftsführer des Klinikums. „Aber absolute Priorität hat die Sicherheit der Patientendaten – und ein Baustein dazu ist eine IT-Infrastruktur auf aktuellstem Stand der Technik.“

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Prof. Dr. med. Steffen Gramminger
Geschäftsführer Klinikum Darmstadt

Darmstadt als Sieger beim Wettbewerb „Die digitale Stadt“
Was darunter zu verstehen ist, zeigt die Teilnahme am Wettbewerb „Die digitale Stadt“, der von der bitkom in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ausgeschrieben wurde. Es konnten sich Städte mit ihren Visionen einer digitalen Stadt bewerben, bei dem als Preis finanzielle und organisatorische Unterstützung im Wert eines zweistelligen Millionenbetrags ausgelobt waren. Auch Darmstadt – und damit auch das städtische Klinikum - nahm an dem Wettbewerb teil und gewann. „Im Juli nimmt das Projektmanagement seine Arbeit auf. Für uns ist dieser gewonnene Wettbewerb eine große Chance, unsere IT-Infrastruktur weiter auszubauen und unsere IT-Sicherheit noch besser zu gestalten. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf der Vernetzung von Patienten und Leistungserbringern liegen, um die medizinische Versorgung und Vorsorge weiter nach vorne zu bringen.“
Noch mehr Arbeit also für das Team von Gerhard Ertl. Besonders wichtig ist es daher für ihn, den Überblick zu behalten und seine Planungen immer wieder anzupassen. „Der Wettbewerb war natürlich ein gewisser Unsicherheitsfaktor. Natürlich haben wir uns im Vorfeld Gedanken gemacht, wie wir damit umgehen sollen, wenn wir gewinnen. Aber die konkrete Umsetzung ist dann doch immer wieder spannend.“

IT-Controlling: Mittelfristig sinnvoll, um Prozesse zu optimieren
Ein Projekt ist allerdings schon länger gesetzt und wartet noch auf seine Umsetzung: IT-Controlling. „Es taucht bei IT-Projekten ja immer wieder die Frage nach dem Return on Investment auf. Der Punkt ist: Das lässt sich bei Krankenhaus-IT nicht ohne weiteres beantworten. Henry Ford soll einmal gesagt haben, dass die Hälfte seiner Ausgaben für Werbung überflüssig sei. Er wisse nur nicht, welche. Ähnlich verhält es sich mit der Digitalisierung. Wenn Sie IT-Lösungen in einem Krankenhaus einführen, ändern Sie ja oft auch Prozesse und Organisationsstrukturen. Oft kommt auch – wie bei uns – eine komplette Umbruchsituation wie ein Neubau dazu. Man kann also in der Regel nicht sagen: `Ich habe jetzt ein neues OP- System eingeführt, deswegen habe ich jetzt soundso viele Euros mehr Einnahmen`. Denn die Abläufe im OP werden durch viele Faktoren beeinflusst, die selbst ständig im Wandel sind: Gesetzliche Vorgaben, Personalfluktuation, etc.“ Bei einzelnen Projekten wurde in Darmstadt bereits ansatzweise ein IT-Controlling durchgeführt. Aufgrund der Komplexität hat man diesen Ansatz aber bisher nicht weiterverfolgt.
„Alleine die beliebte Frage nach einer Zeitersparnis ist nicht so leicht zu beantworten,“ erläutert Gerhard Ertl. „Denn vielleicht brauchen Sie für das Ausfüllen eines Formulars am Computer etwa länger als auf Papier, profitieren dann aber an ganz anderer Stelle – zum Beispiel dem Zusammenstellen des Arztbriefs – von einer großen Zeitersparnis.“ IT-Controlling, da ist sich Gerhard Ertl sicher, muss den Gesamtprozess im Auge behalten, vor allem aber die Anwenderzufriedenheit. „IT-Controlling wird Ihnen die Frage nach einem ROI oder einer Zeitersparnis nur in wenigen Fällen wirklich beantworten können. Aber es wird dazu beitragen, Prozesse besser zu verstehen und vor allem Projekte transparenter zu machen, indem klare Zielvorgaben von den Anwendern eingefordert werden.“
Im aktuellen Stadium der Digitalisierung, so Ertl, macht eine eigene Organisation für IT-Controlling noch keinen Sinn: „Im Augenblick legen wir mit dem Ausrollen der elektronischen Patientenakte und der mobilen Visite den Grundstein. Die damit einhergehenden Prozessverbesserungen stimmen wir mit unserem Prozess- management-Office ab. Das IT-Controlling wäre im Grunde nur ein weiterer Baustein, um ein noch besseres Feintuning bei begrenzten Einzelprojekten vornehmen zu können. Das macht jetzt einfach noch keinen Sinn.“

„IT ist immer im Fluss“
Ertl möchte in den nächsten Jahren zunächst das Klinikum Darmstadt durchgehend einheitlich digitalisieren. Aber er ist sich auch bewusst, dass es keinen echten Endpunkt geben wird: „IT ist immer im Fluss. Im Grunde genommen ist man nie fertig, weil die Technik sich ständig weiterentwickelt und sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben.“ Dabei schätzt er auch die enge Zusammenarbeit mit dem Hersteller seines KIS medico. „Cerner hat einen sehr ausgeprägten Kundenfokus. Z.B. durch Kundenveranstaltungen, bei denen klare Entwicklungsroadmaps erläutert werden, was mir die Planung sehr erleichtert. Aber auch die Entwicklung dort hat immer ein offenes Ohr für Ideen.“
Was wünscht sich der IT-Leiter für die Zukunft? „Neben einem erfolgreichen Ausbau unserer IT vor allem mehr Pragmatismus: Das beginnt beim Datenschutz, den wir in Deutschland zu theoretisch betrachten und bei dem die Gesetzeslage nicht den aktuellsten technischen Stand berücksichtigt. Datensicherheit ist wichtig, aber zu streng ausgelegter Datenschutz kann letztlich auch dem Gesamtprozess schaden. Außerdem würde ich es sehr begrüßen, wenn wir wieder innovationsfreudiger würden. Natürlich ist Produktsicherheit in der Medizin unabdingbar. Aber hier muss der Gesetzgeber auch klare Vorgaben schaffen, um neue Technologien auch nutzen zu können: Warum brauche ich bei einer mobilen Vitalwerterfassung entweder einen eigenen Barcodescanner und ein Mobile Device oder beides in Kombination, statt ganz einfach eine App auf einem Handy benutzen zu können? Es gibt in der Krankenhaus-IT enormes Potenzial. Wir brauchen nur einen gesetzlichen Rahmen, Innovationsfreude und eine ausreichende Finanzierung, dann ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen kein Traum mehr.“

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